Home is..

Unbewusst oder bewusst höre ich in letzter Zeit viele Songs, die das Wort „Home“ beinhalten. So singt Lena beispielsweise in ihrem Song „Home“ über ihre verstorbene Freundin, die für sie ihre Heimat, ihren Bezugspunkt darstellte. Eine andere Künstlerin bittet jemanden, sie nach Hause zu bringen, in dem sie singt „Take me home“ und wieder andere Künstler singen Zeilen wie „Home is where the heart is“. Anhand der Übersetzung lässt sich bereits mein Dilemma mit dem Wort aufzeigen. Während es im Englischen lediglich eine Bezeichnung gibt, lässt sich „Home“ sowohl mit „Heimat“ als auch mit „Zuhause“ ins Deutsche übersetzen. Natürlich könnte Lenas Freundin für sie auch ihr Zuhause dargestellt haben, da ich jedoch die Geschichte zu dem Song kenne, weiß ich, dass Lena von Heimat sprach. Es muss hier also irgendeinen Unterschied zu geben, obwohl beide Wörter einen Ort der Zuflucht und des Ankommens darzustellen scheinen. Und so stelle ich mir seit ziemlich genau drei Wochen die Frage, was der Unterschied ist. Denn vor drei Wochen hörte ich einen sehr besonderen Text, in dem folgende Zeile verfasst wurde „Will deine Heimat sein, wenn ich schon nicht dein Zuhause bin“. Ich frage mich, ob der Verfasser eine bewusste Rangfolge gewählt hat, indem er das Zuhause über die Heimat stellt („wenn ich schon nicht dein Zuhause bin“). Lässt sich das wirklich so sagen? Ist Zuhause etwas „besseres“ als die Heimat?

Mein Zuhause war lange nicht der Ort, an dem ich gelebt habe. Als ich aus meinem Elternhaus ausgezogen bin, war das trotzdem irgendwie noch mein Zuhause, weil ich mich in meiner neuen Wohnung einfach nicht zu Hause gefühlt habe. Und das obwohl das Haus meiner Eltern für mich auch kein Zuhause dargestellt hat. Mein Zimmer war mein Zuhause, es war mein Reich, gestaltet nach meinen eigenen Vorstellungen. Meine neue Wohnung war kein Ort, dem ich mein Herz geschenkt habe. Ich habe mich auch bewusst dagegen entscheiden, meinen Wohnortwechsel zu melden, da ich diese Stadt einfach nicht als mein Zuhause angeben wollte. Mein Zuhause, meine Heimat war immer noch mein Geburtsort. Erst nach vielen Jahren, nachdem ich eine Arbeitsstelle und Freunde gefunden habe, nahm ich die neue Stadt Stück für Stück als mein zu Hause an. Es wurde immer mehr zu dem Ort, an dem ich wirklich lebte, es akzeptierte, hier zu leben. Mit dem Umzug ins eigene Haus sollte sich noch einmal ein anderes Gefühl einstellen. Es sollte mein Zuhause sein, mein Ort, an dem mein Herz wohnt. Es wurde der Ort, an dem ich lebte, ja. Ich meldete mich diesmal brav um und freute mich auch darüber, einen neuen Ort für mich gefunden zu haben. Es war deutlich besser, als meine alte Wohnung. Lange habe ich niemanden erzählt, dass ich mich auch dort nicht zu Hause fühlte. Es war ein Haus, welches bereits vorher bestand. Ein Kompromiss. Nichts, was nach meinen, bzw. nach gemeinsamen Wünschen gestaltet wurde. Es fehlte mindestens ein Zimmer, es fehlten Treppen und ein zweites Bad. Alles Dinge, die zuvor ausschlaggebend für mich waren, für mich machten sie ein Haus aus. Entschieden habe ich mich trotzdem für dieses Haus. Es hat ein tolles Grundstück, eine super Lage und es war zumindest ein Haus. Etwas, was ich mir für mich selbst immer gewünscht habe. Es ist mein Zuhause, im Sinne von „ich habe entschieden, hier zu leben“. Aber ein Zuhause ist auch immer fremdbestimmt. Durch äußere Umstände, wie die Arbeitsstelle der Eltern, die eigene Arbeitsstelle, die aktuelle Partnerschaft und die finanziellen Mittel. Ein Zuhause kann man sich meiner Meinung nach nicht immer aussuchen, man kann versuchen, den Ort zu seinem Zuhause zu machen, aber ob das immer gelingt..

Meine Heimat umfasste in meiner ursprünglichen Definition immer meinen Geburtsort, den Ort, an dem ich das Gefühl hatte, alles zu kennen, ohne über etwas nachzudenken zu müssen. Das änderte sich, als ich das erste Mal in London war. Nie zuvor habe ich so etwas für einen anderen Ort gefühlt. Ich kam an, und schon als meine Füße den Boden berührten, fühlte ich mich so tief verbunden, hatte das Gefühl, hier schon mehr als einmal gewesen zu sein, obwohl ich wusste, dass ich London nie zuvor gesehen hatte. Alles war so vertraut, natürlich, normal und unkompliziert. Ich fand mich in der Stadt sofort zurecht und hatte das Gefühl, hierher zu gehören. Ich konnte ich sein, ohne mich für irgendetwas rechtfertigen zu müssen, so wie es an anderen Orten immer wieder der Fall ist. In den darauffolgenden Jahren flog ich immer wieder nach London. Andere Städte zog ich kaum in Betracht. Und egal zu welcher Jahreszeit, egal welches Wetter vor Ort herrschte, ich erlebte immer wieder dieses Glücksgefühl, dieses beruhigende Gefühl des Heimkommens. Schwer zu erklären, wo es sich doch um eine Stadt handelt, in der ich nie gelebt habe, vermutlich nie leben werde. Wie kann etwas eine Heimat darstellen, wenn es doch so weit weg ist, so unerreichbar? Ich habe keine Ahnung.

Ist es vielleicht falsch, diese beiden Begriffe zu unterscheiden? Sollte mein Zuhause gleichzeitig meine Heimat darstellen und umgekehrt? Manchmal wünschte ich, es wäre so. Der Ort, an dem ich lebe, sollte auch der Ort sein, an dem ich mich geborgen fühle, an dem ich angekommen bin. Mit der Person, die mir das gleiche Gefühl gibt. Denn Heimat lässt sich nicht vorschreiben, Heimat ist ein Gefühl, welches sich nicht beschreiben oder erzwingen lässt. Wenn du es fühlst, weißt du, dass du angekommen bist. Und auch wenn ich verstehe, warum die Zeile so gewählt wurde, steht für mich die Heimat über dem Zuhause. Für jemand anderes die Heimat zu sein, ist keine zweite Wahl.. es ist eine der intimsten Ebenen, die erreicht werden kann..